Münchhausiaden in der „Löwenschwemme“

Max Riccabonas erfundene Begegnung mit James Joyce. Berichtigung seiner zweifelhaften Zeitzeugenschaft

„Bei jedem lebenden Auftritt erzählt Riccabona mindestens viermal, dass er einmal James Joyce getroffen habe. Auch in der Biographie des Ungetüms ist neben der Geburt die Begegnung mit Joyce das wichtigste Ereignis.“ (0)

Während jener drei Wochen, die James Joyce im Sommer 1932 in Feldkirch, Vorarlberg, verbrachte, war der damals 17-jährige Max Riccabona nachweislich in der „Deutschen Heilstätte“ in Davos in stationärer ärztlicher Behandlung. Diese Tatsache ist allerdings nur ein Grund von vielen, weshalb die Riccabona angeblich nachhaltig prägende Begegnung mit Joyce getrost als Münchhausiade zu Grabe getragen werden kann.

Beweist diese historische Fotografie, die James, Nora und Lucia Joyce sowie deren Pflegerin im Raum Feldkirch zeigt, nicht hinreichend, dass die Familie Joyce selbst es war, die Max Riccabona, dessen Schatten zweifelsfrei auf der Straße zu erkennen ist, 1932 in Davos zu seinem legendären Auto-Ausflug in die Fakekircher „Löwenschwemme“ abgeholt hat? (Mit freundlicher Genehmigung der Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale University)
Beweist diese historische Fotografie, die James, Nora und Lucia Joyce sowie deren Pflegerin im Raum Feldkirch zeigt, nicht hinreichend, dass die Familie Joyce selbst es war, die Max Riccabona, dessen Schatten zweifelsfrei auf der Straße zu erkennen ist, 1932 in Davos zu seinem legendären Auto-Ausflug in die Fakekircher „Löwenschwemme“ abgeholt hat? (Mit freundlicher Genehmigung der Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale University)

Trittbrettfahren bei James Joyce

Mitte der 1970er Jahre hat Hans Wollschlägers hochgelobte Neuübersetzung von James Joyces Roman „Ulysses“ für Aufsehen gesorgt und im deutschsprachigen Raum eine Joyce-Renaissance ausgelöst. Vor diesem Hintergrund hat Max Riccabona in der Zeitschrift „Protokolle“ unter dem Titel „Epiphanien in der Löwenschwemme“ persönliche Erinnerungen an „James Joyce in Vorarlberg“ veröffentlicht, die über weite Strecken nur nacherzählen und zitieren, was in Richard Ellmanns umfassender James-Joyce-Biografie über Joyces Feldkirch-Aufenthalte zu lesen ist.

In seinem angeblichen Augen- und Zeitzeugenbericht beschreibt Riccabona, wie er 1932 als 17‑jähriger Gymnasiast Joyce in Feldkirch persönlich kennengelernt haben will. Seine unbewiesene Behauptung wurde nicht nur von der breiten Öffentlichkeit, sondern auch von seinen Biografen, Historikern, Literaturwissenschaftlern und den Medien als Tatsache übernommen und Jahrzehnte lang ungeprüft weiter verbreitet.

„Riccabonas persönliche Bekanntschaft mit Größen der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ (1), die erfundene Begegnung mit James Joyce (1932), die eineinhalb Monate dauernde Bekanntschaft mit Joseph Roth (1939) (2) und ein Treffen mit Ezra Pound (1959) wurden oft und gerne bemüht, um Riccabonas literarischen Stellenwert zu definieren: „Die Bekanntschaft mit Joyce, Roth und Ezra Pound ließ ihn als lebendes Monument der Literaturgeschichte erscheinen, überdies sind Joyce und Pound Autoren einer dezidierten Moderne, was Riccabona zusätzlich profilierte.“ (3)

Jahrzehnte währender Forschungsmissstand

Die Tatsache, dass Riccabona ein Vorarlberger Münchhausen war, ist ein Faktum, das große Teile seiner eingeschworenen Fan- und Lesergemeinde nicht wahrnehmen, geschweige denn wahrhaben wollen. Nur vereinzelt wurden Skepsis und Zweifel laut: So hat etwa Kurt Bracharz schon 1989 in seiner Besprechung der Riccabona-Ausstellung des Vorarlberger Landesmuseums zu Recht problematisiert, dass die Riccabona-Forschung biografische, editorische und literarhistorische Mindeststandards missachtet, wenn sie Riccabonas autobiografische Äußerungen ungeprüft als verbürgte Tatsachen übernimmt und überliefert: „zwei Beiträge geben bis in die Diktion hinein offensichtlich nur das wieder, was Riccabona selbst den Schreibern mitgeteilt hat – bei solcher Kritiklosigkeit wäre es wohl besser, ihn gleich selbst berichten zu lassen“. (4)

18 Jahre später hat Bracharz das Andauern dieses Forschungsmissstandes beklagt und in der Besprechung des Max-Riccabona-Bandes „Bohemien – Schriftsteller – Zeitzeuge“ die Fragwürdigkeit von Riccabonas „beeindruckenden Begegnungen“ betont: „Sie sind allerdings meines Wissens nirgendwo belegt oder durch eine andere Person beglaubigt, jedenfalls nicht für die von Riccabona stets behauptete, insbesondere in der Beziehung zu Joseph Roth weitgehende freundschaftliche Intimität. In dem Essay-Band werden Riccabonas diesbezügliche Berichte offenbar von den meisten Autorinnen und Autoren mehr oder minder fraglos akzeptiert. Natürlich kann man nicht mehr nachprüfen, ob Riccabona Joyce in Feldkirch tatsächlich begegnet ist, aber zumindest bei Roth sollten sich ja noch Quellen finden lassen, die eine Nähe von Riccabona und ihm bestätigen“. (5)

Berechtigte Zweifel

Zweifel an Riccabonas behaupteter Bekanntschaft mit Joyce weckte bei mir seit jeher die Tatsache, dass seine vorgebliche Erinnerung im Wesentlichen von Ellmanns Joyce-Biografie gespeist wird und das wenige, das er selbst beisteuert, so fehlerhaft, unstimmig und widersprüchlich ist, dass es den Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen fraglich erscheinen ließ.

So beschreibt der mit Joyce befreundete Verleger Eugene Jolas das Feldkircher Lokal, das er nach dem allabendlichen Bahnhofsritual 1932 gemeinsam mit Joyce besucht hat, als gewöhnliche Eisenbahnerkneipe: „It was the dusk of Feldkirch he evoked, and the river Ill became the Liffey and the railroadmenʼs tavern he and I frequented at twilight became metamorphosed into the Chapelizod pub, where H.C.E., standing behind the bar talked his desesperanto with the drunken customers.“ (6)

In Riccabonas Lokalbeschreibung kommt statt der Eisenbahner die „dicke Rosl aus München“ vor: „Um sich das damalige Milieu der Löwenschwemme zu vergegenwärtigen, dürfen wir sie uns nicht als ein gutbürgerliches Restaurant vorstellen, das sie heute ist. Sie war damals eine Kneipe, deren Kunden sich aus dem denkbar buntestem Volk gruppierten; aus Marktfahrern, Wilderern vor und nach Strafantritt im Gefängnis bzw. nach Verlassen desselben (zum Beispiel erinnere ich mich sehr gut daran, dass damals eine Kuriositätenschau in Feldkirch gastierte mit ‚der dicken Rosl aus München‘, zweihundert Kilo schwer, auf deren Schenkel man gegen Gebühr einen Stempel drücken durfte)“. (7)

„Die dicke Rosl aus München“

„Der Tod der „dicken Rosl““ („Illustrierte Kronen Zeitung“. 16. Jänner 1931, S. 5)
„Der Tod der „dicken Rosl““ („Illustrierte Kronen Zeitung“. 16. Jänner 1931, S. 5)

Riccabonas Behauptung, dass er sich sehr gut daran erinnere, dass damals die dicke Rosl in Feldkirch gastiert habe, spricht Bände gegen seine Zeitzeugenschaft, da am 15. Jänner 1931 in der „Illustrierten Kronen-Zeitung“ zu lesen war, dass „die dicke Rosl“ am 13. Jänner 1931 in München gestorben sei. Davon abweichend nennt die „Illustrierte Kronen-Zeitung“ am 16. Jänner 1931 in einem Nachruf den 12. Jänner 1931 als Sterbetag, was aber nichts daran ändert, dass Rosa Debelas Karriere Ende 1930 zu Ende war und die genannten Zeitungsartikel in wissenschaftlichen Publikationen über Schausteller und Kuriositätenschauen als die wesentlichen Quellen zitiert werden: „Rosa, die mit ihrem Familiennamen Debela hieß, war im Vorjahr in Griechenland, in der Türkei und einige Zeit auch in Wien, wo sie im Prateretablissement Feigls auftrat. Die Dreiundzwanzigjährige, deren Gewicht mit 270 kg angegeben wurde, hielt sich zuletzt in Prag auf. Dort erkrankte sie an Angina. Als sich ihr Zustand immer mehr verschlechterte, mietete Feigl ein Auto, in dem er die dicke Rosl in siebenstündiger Fahrt nach Ober-Kotzau bei Hof in Bayern – dem Heimatort des Mädchens – brachte. Rosa Debela, die seit Jahren ein ruheloses Wanderleben führte, starb im Frieden des Elternhauses.“ (8)

Dennoch erinnert sich Riccabona sehr gut daran, dass damals Rosa Debela in Feldkirch gastiert habe. Alles deutet darauf hin, dass er auch James, Nora, Lucia und Giorgio Joyce in Feldkirch nicht aus eigener Anschauung, sondern nur vom Hörensagen wahrgenommen hat: „Ich war, während Joyce in Feldkirch weilte, Gymnasiast der siebenten Klasse am humanistischen Bundesgymnasium in Feldkirch, ein mittelmäßiger Schüler und (in Anpassung an die damalige Mode unter Studenten) ein nicht unbetriebsamer ‚von Wirtshaus zu Wirtshaus-Säufer‘. […] Dies alles ist mehr als vierzig Jahre her und doch deutlich erscheint er [Joyce] vor meinem geistigen Auge: In einer Ecke unter dem aufgehängten Maiskolben halb versteckt an einem Tisch sitzend, mit seiner scharfen Brille, ein kleines Notizbuch vor sich, in welches er hineinkritzelte.“ (9)

Riccabonas vorgebliche Joyce-Erinnerungen

Im Zusammenhang mit Riccabonas vorgeblichen Joyce-Erinnerungen fällt auf, dass er seine den damaligen Sommer prägende Lungenerkrankung, die ihn rund vier Monate nach Davos geführt hat, mit keinem Wort erwähnt. Auch 1981 nicht, als er die Beschreibung seiner erfundenen Joyce-Begegnung leicht variiert, indem er etwa den „aufgehängten Maiskolben“ durch ein Kruzifix ersetzt: „Ich hatte im Sommer 1932 Gelegenheit, Joyce in Feldkirch kennenzulernen. Als trinkfreudiger Studiosus am humanistischen Gymnasium in Feldkirch traf ich öfters mit ihm in der Löwenschwemme in der Neustadt zusammen. Wenngleich ich damals noch keine Zeile von ihm gelesen hatte, empfing ich unauslöschliche Eindrücke, wovon ich, soweit mich nach so langer Zeit das Gedächtnis nicht im Stich lässt, einige schildern möchte. Ich sehe den Dichter noch ganz deutlich vor mir in einer Ecke der damaligen Löwenschwemme unter dem mit Trockenblumen verzierten Kreuz, Weißwein vor sich. Er war damals schon fast blind und kritzelte in ein kleines Notizbuch“. (10)

Riccabona, der trotz der unauslöschlichen Eindrücke, welche die Begegnung mit Joyce 1932 bei ihm hinterlassen haben soll, bis 1936/37 „kein Wort von J.J. gelesen hatte“,(11) glaubt sich erinnern zu können, dass er durch einen Tiroler Verwandten sowie ein in Feldkirch lebendes britisches Original mit Joyce ins Gespräch gekommen sei: „Mein Vetter Hermann v. V. war damals Maturant und ich glaube mich daran erinnern zu können, dass er mich mit Joyce in der Löwenschwemme bekannt machte. Gleichzeitig weilte nämlich damals in Feldkirch ein Original aus Schottland, ein versoffener Oberst in Pension, der wunderbar schottische Balladen wie Maxwells Love oder so ähnlich mit eigener Klavierbegleitung zu singen wusste. Ich kann mir nun, nachdem mir das Werk James Joyces ziemlich bekannt ist, sehr gut vorstellen, dass mein Vetter Hermann und der Schotte, welche beide sich als sozusagen zwar nicht spirituelles aber ‚spirituoses‘ Zwillingspaar durch alle Schenken Feldkirchs regelmäßig hindurchsoffen, die Sympathie des großen Dichters gefunden haben. Mein erwähnter Vetter war nämlich auch in seiner Art ein Genie. Ein aus einem tirolischen Kloster hinausgeworfener Novize, der unheimlich saufen konnte und mehr als zweihundert Verse der Ilias und der Odyssee im Urtext aufzusagen verstand.“ (12)

Riccabonas Bericht bietet keine überzeugende Erklärung, wieso sich der 50-jährige Joyce in Feldkirch ausgerechnet für zwei Schulbuben interessiert haben sollte, die keines seiner Werke kannten, womit ein wesentliches Gesprächsmotiv gefehlt hat. Zudem hat Harald Stockhammer darauf hingewiesen, dass der aus Imst stammende und als „Hermann v. V.“ verschlüsselte Hermann Vilas 1932 die Sommerferien wahrscheinlich bei der Mutter in Tirol verbracht hat. Der Halbwaise Vilas war während seiner Feldkircher Schulzeit Kosttagstudent (13) bei Riccabonas Familie, die aber während Joyces Feldkirchbesuch in Südtirol auf Urlaub war.

Riccabona macht Vilas etwas reifer, als es der 20-Jährige im Sommer 1932 war, indem er ihn zum Maturanten erklärt, obgleich Vilas die achte Klasse noch nicht absolviert hatte, sondern erst Anfang Mai 1933 schriftlich und Ende Juni 1933 mündlich maturiert hat.

Die beiden waren Schul-, aber keine Jahrgangskollegen, da der um drei Jahre ältere Vilas eine Schulstufe vorausging. Beide einte die Mitgliedschaft in der Feldkircher Gymnasialverbindung „Clunia“, der Vilas seit 15. September 1929 und Riccabona seit 21. April 1932 angehörte. (14)

Bei Wilhelm Meusburger ist Riccabonas „Vetter Hermann, ehemaliger Augustinerchorherr in Wilten“, (15) worunter sich das lesende Publikum zweifellos etwas anderes vorstellt als einen Pennäler, der so offen für das braune Gesindel schwärmt, dass er am 4. April 1933 „wegen Sympathie mit dem Nationalsozialismus“ (16) vorläufig und am 31. Mai 1933 definitiv aus der christlichsozialen „Clunia“ ausgeschlossen wurde. Alles in allem ist auch Vilas, der nach der Matura Jus studieren wollte und 1943 als Soldat in Norwegen ums Leben kam, ein unwahrscheinlicher Gesprächspartner für Joyce gewesen.

Plausiblere Gesprächspartner

Ein weitaus plausiblerer, weil interessanterer Gesprächspartner als die beiden Schulbuben wäre der nahezu mit Joyce gleichaltrige Vater Riccabonas, Gottfried, gewesen, der eine Vergangenheit als Schriftsteller hatte, an einem „Bloomsday“ (16. Juni 1879) geboren wurde und mit einer Jüdin namens Anna (geb. Perlhefter) verheiratet war. Alles Aspekte und Themen, die Joyce anregende Gespräche ermöglicht hätten.

Gottfried Riccabonas Schwager Max Perlhefter hat sich übrigens zwei Tage nach dem mit Joyce befreundeten Verleger-Ehepaar Jolas gemeinsam mit dem Feldkircher Rechtsanwalt Josef Peer auf der ersten Seite des Gästebuches des Götzner Textilkaufmanns Hans Ender eingetragen, was belegt, dass sich nicht Max Riccabona, sondern sein Onkel, der um diese Zeit auch seinen kranken Neffen in Davos besucht hat, im Vorarlberger Jolas- bzw. Joyce-Umfeld bewegt hat. (17)

Weitere haltlose Behauptungen

Im Zusammenhang mit Joyces Freunden Maria und Eugene Jolas schreibt Riccabona, dass die 1895 in Louisville (Kentucky, USA) geborene und später in New York (1910-12) und Berlin (1913-1914) Musik studierende Maria Jolas (geb. McDonald) „seinerzeit in einem Mädchenlyzeum in der französischen Schweiz mit den beiden Fräulein Birnbaumer, Töchter des ehemaligen Stadtarztes Dr. R. Birnbaumer […] Freundschaft geschlossen“ hätte. (18) Allerdings bietet Maria Jolasʼ Lebensweg (Louisville – New York – Berlin – New York – Paris) keine lokalen bzw. zeitlichen Anknüpfungspunkte dafür, dass sie mit Hilde und/oder Wilhelmine Birnbaumer (19) in einem Schweizer Lyzeum Freundschaft geschlossen haben könnte.

Die Geschwister Birnbaumer werden weder in Maria noch in Eugene Jolasʼ Memoiren genannt. Es überrascht somit nicht, dass auch Riccabonas Behauptung, dass die Familie Jolas nach Feldkirch gekommen sei, weil Maria Jolas mit den Geschwistern Birnbaumer befreundet gewesen wäre, völlig aus der Luft gegriffen ist.

Maria und Eugene Jolasʼ gemeinsame Tochter Betsy hat mir bestätigt, dass ihre Eltern 1932 mit den Birnbaumers nicht befreundet waren, sondern deren Haus allein aus dem Grund gemietet haben, weil es für ihre Familie geeignet schien, die ein Quartier für sechs Personen (Maria, Eugene, Betsy und Tina Jolas sowie Maria Jolasʼ Mutter und die Gouvernante der Kinder) benötigt hat. (20)

Im Unterschied zur Familie Jolas trafen die Joyces in Feldkirch gestaffelt ein: Anfang Juli kam die knapp 25-jährige Lucia Joyce gemeinsam mit der eigens für sie engagierten Pflegerin und der Familie Jolas aus Paris an. Anfang August 1932 folgten Nora und Mitte August schließlich ihr Mann James aus Zürich kommend. Alle drei Joyces wohnten bis 8. September 1932 im „Hotel Löwen“.

Gleichzeitig in Feldkirch und an der Côte dʼAzur

Nicht in Feldkirch war Joyces damals 27-jähriger Sohn Giorgio, obwohl Riccabona mit einer doppeldeutigen Einschränkung beteuert, dass dieser in Feldkirch in seinem Beisein zur Laute gesungen habe: „Nicht uninteressant ist vielleicht zu erwähnen, dass sich die Familie fast immer auf Italienisch unterhielt und ich selbst von ihm zum ersten Mal von Claudio Monteverdi hörte und wenn ich mich richtig glaube erinnern zu können, sang der Sohn Giorgio etwas aus dem ‚Orfeo‘ zur Laute.“ (21)

Allerdings war Giorgio während des in Frage kommenden Zeitraums mit Ehefrau, Sohn und Stiefsohn in Saint-Jean-Cap-Ferrat an der Côte dʼAzur. Riccabonas frei erfundenes Detail ist somit eine weitere Warnung, dass seine „Epiphanien“ keinesfalls als Zeit- und Augenzeugenschaft betrachtet werden können und dürfen.

Schweizer, nicht „triestinisch gefärbtes“, Deutsch

Ein anderes von Riccabona genanntes Detail gibt erneut zu verstehen, dass er sich nie mit Joyce unterhalten haben kann: Joyce „sprach übrigens, wie ich selbst sz. wahrnahm, ein ziemlich Triestinisch gefärbtes Deutsch, wenn er dies sprach.“ (22) Die Frage, wie ein 17-jähriger Vorarlberger Schüler, der selbst Alemannisch gesprochen hat, 1932 über so spezielle Dialektkenntnisse verfüge, dass er „Triestinisch gefärbtes Deutsch“ als solches erkannt haben will, erklärt Riccabona mit dem Hinweis, dass einige seiner Vettern, die als Marineoffiziere der seinerzeitigen k.u.k. Flotte in Triest stationiert gewesen wären, so gesprochen hätten. (23)

Bekannt ist, dass einerseits Joyces Familie in Triest Italienisch („Triestino“) gesprochen hat und diese Sprache im Verkehr mit ihrem vorwiegend italienischen Freundes- und Bekanntenkreis gepflegt hat, andererseits während Joyces Sprachunterricht an der Triester Berlitz-Schule Englisch Pflicht war, weshalb es unwahrscheinlich ist, dass Joyce in Feldkirch „Triestinisch gefärbtes Deutsch“ bzw. „Austriacans“ gesprochen habe, das in Triest die Sprache der österreichischen Minderheit und Oberschicht war, der Joyce nicht angehört hat.

Allerdings hat Joyce von Mitte 1915 bis Ende 1919 im deutschsprachigen Zürich gelebt, wo er mit Deutschen, Österreichern und Schweizern befreundet war, weshalb er dort nicht nur ständig Deutsch gehört, sondern neben Englisch und Italienisch auch Deutsch gesprochen hat. Zudem hat Joyce nicht nur im Sommer 1928 fünf Tage in Innsbruck sowie anschließend fünf Wochen in Salzburg verbracht, sondern zwischen 1928 und 1932 immer wieder einige Tage in Zürich gewohnt, weshalb jenes Deutsch, das er 1932 in Feldkirch gesprochen hat, von seiner Zürcher Zeit geprägt war. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat Joyce daher nicht „ziemlich Triestinisch gefärbtes Deutsch“, sondern Deutsch mit mehr oder weniger Zürcher Einschlag gesprochen, was Riccabona wahrgenommen hätte, falls er tatsächlich mit Joyce zusammengetroffen wäre.

Max Riccabona, selbst von Nora Joyce empfohlen

Eine weitere Joyce-Legende, deren Wahrheitsgehalt fraglich ist, wurde von Wilhelm Meusburger überliefert: „Über eine Empfehlung von Nora Joyce, der Witwe von James Joyce, lernte Riccabona auf der ‚Brunnenburg‘ (Dorf Tirol, Südtirol) Ezra Pound kennen“. (24) Barbara Hoiß hat mich informiert, dass Riccabonas Treffen mit Pound am 18. Oktober 1959 stattgefunden habe, da Riccabonas Exemplar von Pounds 1959 veröffentlichtem Sammelband „Über Zeitgenossen“ folgende handschriftliche Widmung enthält: „Dr. Max von Riccabona. Ezra Pound. 18. Oct. 59“. (25)

Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass die am 10. April 1951 in Zürich verstorbene Joyce-Witwe, Nora, dem ihr unbekannten Riccabona für dessen erst 1959 erfolgte Begegnung eine mündliche bzw. gar schriftliche Empfehlung mitgegeben habe, aus mehreren Gründen äußerst gering.

Schließlich musste Joyce immer wieder entschuldigen, dass Nora keine große Briefschreiberin war. Nachfolgend erklärt er etwa dem befreundeten Schriftsteller Valery Larbaud, wieso dessen Lebensgefährtin noch ein Weilchen auf Noras Antwort zu warten habe: „Meine Frau sagt ungefähr dreimal die Woche, ich muss morgen früh auf diesen Brief antworten. Was wird sie [= Larbauds Lebensgefährtin] bloß von mir denken! etc. Sie schreibt im Jahr etwa vier Briefe, denen jeweils 3 Monate der guten Vorsätze vorausgehen. So ist das nun mal!“ (26)

Auch war zu Nora Joyces Lebzeiten nicht absehbar, dass Pound, der nach dem Krieg wegen seiner antiamerikanischen Propagandatätigkeit für Hitler und Mussolini in Amerika wegen Landesverrat angeklagt und in eine Nervenheilanstalt gesperrt wurde, aus dieser 1958 entlassen nach Italien zurückkehren würde.

Davon abgesehen hätte Riccabonas Briefwechsel bzw. Treffen mit der in Zürich lebenden Joyce-Witwe zwischen Mai 1945 und April 1951 erfolgen müssen, wofür es keine Belege gibt, was den Verdacht verstärkt, dass auch dieser Joyce-Bezug frei erfunden wurde.

Porträt des Künstlers als „intellektueller Vampir“

Missverständlich ist der Titel von Riccabonas Erinnerung, da Joyce 1932 in Feldkirch keine „Epiphanien“ schrieb, sondern nach einer mehrmonatigen Schreibblockade ein „Finnegans Wake“-Kapitel vervollständigte, das er um 1930 begonnen hatte.

Ähnlich „sachkundig“ klingt es, wenn Riccabona die Löwenschwemme als ein Milieu definiert, „aus welchem James Joyce, als ‚intellektueller Vampir‘, wie er sich zu bezeichnen beliebte, das Blut für seine Romanfiguren saugen konnte.“ (27) Joyces angebliche Selbstdefinition als „intellektueller Vampir“ stammt schließlich nicht von Joyce, sondern von Riccabona, der sie ihm posthum angedichtet hat.

Feldkirch und das „Schicksal des Ulysses“

Weniger Fantasie beweist Riccabona im Zusammenhang mit der während des Ersten Weltkriegs in Feldkirch erfolgten „Ulysses“-Entscheidung. So erwähnt er zwar, dass laut Joyce das Schicksal des „Ulysses“ am Bahnhof Feldkirch entschieden wurde, kann aber nicht verbergen, dass er von der damit verbundenen Bedrohung, dass Joyce, seine Frau und ihre beiden Kinder als feindliche Ausländer verhaftet und auf Weltkriegsdauer getrennt inhaftiert werden könnten, keine Ahnung hat: „Einmal sagte er: ‚Dort auf den Schienen wurde 1915 das Schicksal des Ulysses entschieden …‘ Er hatte nämlich damals, anlässlich einer Reise in die Schweiz, zu Feldkirch einen längeren Aufenthalt.“ (28)

Dieses mangelnde Wissen über den schicksalhaften Ernst des Feldkircher Grenzübertritts mag ein Grund dafür gewesen sein, dass weder Riccabona noch Hans Ender, die beide oft und gerne auf ihre Joyce-Bekanntschaft hinwiesen, zeitlebens angeregt haben, dass die Stadt Feldkirch durch entsprechende Gedenktafeln und/oder Straßenbenennungen auf Joyces Feldkirch-Aufenthalte (1915, 1932) hinweise. (29)

Völlig unbedarfte Riccabona-Biografien

Die zahlreichen Unstimmigkeiten in Riccabonas Joyce-Berichten waren für mich Indizien, dass die von ihm behauptete persönliche Bekanntschaft mit Joyce unwahrscheinlich und fragwürdig ist. Mangels verbriefter biografischer Details über Riccabona konnte ich meinen berechtigten Verdacht noch nicht belegen, weshalb ich nicht umhin kam, Riccabona auch in meinen Publikationen im Zusammenhang mit Joyces Feldkirch-Aufenthalt als relevanten Zeitzeugen zu erwähnen. (30)

Erst dank meiner biografischen Nachforschungen ist die Beweislage eindeutig und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erwiesen, dass Riccabona den – zwischen 15. August und 8. September 1932 – in Feldkirch lebenden Joyce weder in der Löwenschwemme gesehen, geschweige denn persönlich kennengelernt haben kann, da Riccabona wegen seiner Lungenerkrankung zwischen 9. Juli und 29. Oktober 1932 in Davos in stationärer ärztlicher Behandlung war.

Bei Riccabona und seinen Biografen schwankt die Dauer dieses rund vier monatigen Aufenthaltes zwischen acht Monaten und einem Jahr. Am 21. Dezember 1966 notiert Riccabona anlässlich eines Besuches in Davos: „vor 34 jahren war ich etwa 8 monate wegen einer mittelschweren tbc dort, besser gesagt hier“. (31)

Zwölf Jahre später erhöht er in seinem „Ich wurde“ betitelten Selbstporträt den Davos-Aufenthalt auf rund ein Jahr: „Etwa während des Absolvierens der sechsten Klasse musste ich wegen einer Tbc-Infektion das Studium aussetzen und verbrachte im luxuriösen Ambiente eines Davoser Firstclass-Sanatoriums etwa ein Jahr. Ich würde diese Zeitspanne hier gar nicht erwähnen, wenn nicht während derselben meine Defloration durch die, so erzählte sie mir, in Scheidung befindliche algerische Gattin eines Kapitäns der französischen Fremdenlegion erfolgt wäre.“ (32)

Bei dieser Gelegenheit frischt er nach einer umständlichen Abschweifung, die meines Erachtens nur von der sonst zu offensichtlichen Gleichzeitigkeit seines Davos-Aufenthaltes mit Joyces Feldkirch-Aufenthalt ablenken soll, sein Joyce-Märchen erneut auf: „Zu erwähnen wäre noch aus jener Zeit, […] aus meiner Gymnasialepoche, dass ich 1932 in einer obskuren Schenke meiner Vaterstadt James Joyce kennenlernte, ohne damals ein Wort von ihm gelesen zu haben. Ich holte dies dann später nach.“ (33)

Das Problem der widersprüchlichen Angaben über Datierung und Dauer des Davos-Aufenthaltes wird 1995 von Ulrike Längle auf ihre Art gelöst: Als Herausgeberin des damals veröffentlichten Bandes „Auf dem Nebengeleise“ veranschlagt sie in ihrem Nachwort den Davos-Aufenthalt mit einem dreiviertel Jahr (34) und davon abweichend in der Literaturzeitschrift „Allmende“ mit einem ganzen Jahr: „humanistisches Gymnasium in Feldkirch, unterbrochen durch einen einjährigen Aufenthalt in einem Davoser Lungensanatorium, 1932 Bekanntschaft mit James Joyce in Feldkirch, von dem er damals noch nichts gelesen hatte“. (35)

Sie bleibt diesen ungeprüften Behauptungen auch im Rahmen ihres 1997 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ veröffentlichten Nachrufes treu: Riccabona „verbrachte in Zauberbergmanier ein Jahr in einem Schweizer Lungensanatorium, trank als Gymnasiast in der Schwemme des Hotels Löwen mit James Joyce Bier“. (36)

Fahrlässig vernachlässigte Quellen

Dabei hätte sich die Vieles entscheidende Frage, wie lange Riccabonas Behandlung in Davos gedauert hat, schon längst durch seine Davoser Korrespondenz, die Aufzeichnungen des Bundesgymnasiums Feldkirch sowie die Akten der „Deutschen Heilstätte“ beantworten lassen.

Diese drei lange vernachlässigten Quellen ermöglichen die Beurteilung von drei wesentlichen Sachverhalten:

1.) die verbindliche Datierung von Riccabonas Davos-Aufenthalt,

2.) die Klärung der damit verbundenen Frage, ob er den damals in Feldkirch lebenden Joyce überhaupt kennengelernt haben kann, sowie

3.) Riccabonas in Zweifel geratene Glaubwürdigkeit als Zeit- und Augenzeuge.

Das Ergebnis ist eindeutig:

1.) Der Davos-Aufenthalt dauerte entgegen Riccabonas Angaben nicht acht Monate oder ein Jahr, sondern von 9. Juli bis 29. Oktober 1932.

2.) Die von ihm beschriebenen Begegnungen mit Joyce waren aus gesundheitlichen und räumlichen Gründen unmöglich. Beides beweist,

3.) dass Riccabonas als Zeit- und Augenzeuge unglaubwürdig ist.

Dank seiner Davoser Korrespondenz, Postkarten und Briefe, die er am 11.7.1932, 13.7.1932, 20.7.1932, 27.7.1932, 23.8.1932, 27.8.1932, 31.8.1932 und 7.9.1932 seiner Mutter geschrieben hat, konnte ich nachweisen, dass er zumindest von Anfang Juli bis Mitte September in Davos in stationärer ärztlicher Behandlung war.

Riccabonas krankheitsbedingte Schulabsenzen

Eine etwas genauere Datierung des Davos-Aufenthaltes erlaubten anschließend die Aufzeichnungen des Bundesgymnasiums Feldkirch, in dessen Katalogen Siegfried Bertsch auf meine Bitte hin eigens nachgesehen hat, ob Riccabonas Schulabwesenheiten vermerkt sind. Die Nachschau hat sowohl für das Sommersemester 1932 als auch für das Wintersemester 1932/33 hohe Fehlstundenzahlen ergeben, die durch Riccabonas Krankheit bedingt waren: Im zweiten Semester des Schuljahres 1931/32, das am 9. Juli 1932 schloss, hatte er als Schüler der sechsten Klasse 190 Fehlstunden. Im ersten Semester 1932/33, das für jene Schüler, die nicht zu Wiederholungs- und Nachtragsprüfungen antreten mussten, am 21. September 1932 begann, hatte er als Schüler der siebten Klasse weitere 191 Fehlstunden, was bei rund 33 Wochenschulstunden jeweils knapp sechs Wochen Abwesenheit vom Unterricht ausmacht.

Sämtliche Nächte in Davoser Klinik verbracht

Diese Fehlzeiten sind somit einerseits vom 9. Juli 1932 zurück- und andererseits zum 21. September 1932 hinzuzurechnen, was bedeutet, dass Riccabona ungefähr von Anfang Juni bis Anfang November krankheitsbedingt in der Schule gefehlt hat. Die Aufzeichnungen des Feldkircher Gymnasiums belegen somit, dass sein Davoser Aufenthalt höchstens bis Ende Oktober 1932 gedauert hat, was mit Riccabonas Davoser Korrespondenz übereinstimmt, in der er befürchtet, dass seine ursprünglich mit Anfang Oktober befristete Behandlung verlängert werden könnte, was auch der Fall war, wie die Aufzeichnungen der „Deutschen Heilstätte“ bestätigen. Sie dokumentieren, dass er von 9. Juli bis 29. Oktober 1932 ohne Unterbrechung in Davos in stationärer Behandlung war: „Schaut man die Summe der Verpflegungstage an, muss davon ausgegangen werden, dass Herr Max Riccabona die Klinik in der genannten Zeit nicht verlassen hat.“ (37) Diese Formulierung bedeutet selbstverständlich nicht, dass Riccabona rund um die Uhr in der Klinik war. Sie hält aber fest, dass der 17-jährige Schüler im genannten Zeitraum sämtliche Nächte in der Klinik verbracht hat.

Diese tagesgenaue Datierung stützt meine Annahme, dass Riccabona wegen seiner Lungenerkrankung und seines rund vier Monate dauernden Davos-Aufenthaltes im Sommer 1932 weder die von ihm berichteten Sauf-Touren noch die damit verbundene persönliche Bekanntschaft mit Joyce machen konnte.

Während jener drei Wochen, die Joyce in Feldkirch verbrachte, war Riccabona in stationärer ärztlicher Behandlung in Davos, weshalb er die von ihm erwähnten Feldkircher Sauftouren nur unternehmen hätte können, wenn es seine Gesundheit, die behandelnden Ärzte und seine Eltern, die damals mit seiner Schwester in Südtirol urlaubten, erlaubt hätten. Drei Voraussetzungen, die damals nicht gegeben waren.

Zwar schreibt Riccabona schon zwei Tage nach seiner stationären Aufnahme in der „Deutschen Heilstätte“, er hoffe, dass es seinen Eltern auch so gut gehe, wie ihm selbst, doch war sein Gesundheitszustand – von dieser am 11. Juli 1932 verfassten Selbsteinschätzung abweichend – noch im Hoch- und Spätsommer so, dass seine Eltern und Ärzte entschieden haben, ihn trotz Schulbeginns (21. September 1932) bis Ende Oktober 1932 in stationärer ärztlicher Behandlung in Davos zu lassen.

Davoser Korrespondenz ohne Joyce-Nennung

Die Davoser Korrespondenz, in der übrigens weder Vilas noch der schottische Oberst, geschweige denn die angebliche Begegnung mit Joyce erwähnt werden, obwohl Riccabona von letzterer unauslöschliche Eindrücke empfangen haben will, lässt meines Erachtens keinen Zweifel, dass ihm einerseits seine Eltern nicht erlaubt hätten, allein nach Feldkirch zu fahren und dort zu bleiben, und er andererseits auch gesundheitlich nicht in der Verfassung war, in Feldkirch Zechtouren zu unternehmen.

Dokumente, Fakten und Indizien sprechen eindeutig dagegen, dass Riccabona Joyce in Feldkirch gesehen, geschweige denn persönlich kennengelernt haben kann. Für mich besteht somit kein Zweifel mehr, dass die von ihm oft und gerne ins Treffen geführte Feldkircher Begegnung mit Joyce frei erstunken und erlogen ist, weshalb sie getrost als Münchhausiade betrachtet werden kann.

Familiäre Bestätigung meiner Forschungsergebnisse

Umso mehr, als nach der Veröffentlichung meines „Miromente“-Beitrages (38) ein Mitglied aus Riccabonas engstem Familienkreis in der „Miromente“-Redaktion angerufen und den Wunsch geäußert hat, sich mir gegenüber zu meinem Artikel zu äußern. Im Rahmen meines Rückrufes habe ich erfahren, dass Riccabonas Onkel Max Perlhefter die Joyce-Erfindung seines Neffen „immer mit einer Mischung aus Ärger und Amüsement aufgenommen“ habe: Schließlich habe Perlhefters Erwähnung, dass er Joyce 1932 im Feldkircher „Gasthaus Dörler“ gesehen habe, Riccabona animiert, selbst in die Rolle des Beobachters zu schlüpfen, die Begegnung aufzubauschen und das „Gasthaus Dörler“ durch die Löwenschwemme zu ersetzen. (39)

Pariser Leben mit Joseph Roth, doch ohne Joyce

Dank dieser von unerwarteter Seite kommenden Bestätigung meines Forschungsergebnisses ist gesichert, dass Riccabona zuerst durch seinen Onkel von Joyces Feldkirch-Aufenthalt erfahren hat. Anschließend hat er seine biografischen Erfindungen angehängt, um sich interessanter zu machen und als vermeintlicher Augen- und Zeitzeuge jene Aufmerksamkeit und Bedeutung zu erlangen, die ihm ohne diese Münchhausiaden verwehrt geblieben wären: „Wie Sie (aus den „Protokollen“) wissen, hatte ich das Glück 1932 als Gymnasiast Joyce kennenzulernen. Als ich dies nun eines Tages etwa vielleicht einen Monat vor seinem Ableben Roth erzählte, sagte er zu mir: ‚Lieber Herr v. R. Sie werden sicher ein sehr kunstsinniger und ausgezeichneter Kanzler oder Minister, aber nie in ihrem Leben ein Dichter, genau so wenig wie James Joyce ein großer Poet ist‘.“ (40)

Riccabonas strategische Behauptung, dass er schon Roth von seiner persönlichen Bekanntschaft mit Joyce erzählt habe, provoziert wiederum die naheliegende Frage, wieso er während des zwei Monate dauernden (41) Paris-Aufenthaltes Joyce nicht einmal nach Roths Tod besucht hat?

Riccabonas weit verzweigtes Lügengespinst

Die angebliche Begegnung mit Joyce ist übrigens kein Einzelfall: In einem weiteren erfundenen Augenzeugenbericht erwähnt Riccabona ein Treffen zwischen Stefan Zweig und Joseph Roth, das laut seinen Angaben im April bzw. Mai 1939 in Paris stattgefunden haben müsste, das es aber gleichfalls nicht gegeben hat: „Ich erinnere mich an einen kurzen Besuch Stefan Zweigs, welcher sagte: ‚Ja, wenn ich so gut schreiben könnte wie Du.‘ Er gab die dichterische Überlegenheit Roths vor allen am Tisch Anwesenden offen zu.“ (42)

Der damals im Londoner Exil lebende Zweig, schrieb am 7. Mai 1939 an Hermann Broch, dass eben „der neue Joyce erschienen“ (43) ist. – Just zu der Zeit, als Joyce wegen der Veröffentlichung seines Romans „Finnegans Wake“ weltweit in den Medien war, verbrachte Riccabona zwei Monate in Paris, ohne den angeblich mit ihm bekannten und von ihm verehrten Joyce zu besuchen.

Alles in allem bestätigt Riccabonas vorgeblicher Augen- und Zeitzeugenbericht eindrücklich die Sinnhaftigkeit jenes warnenden Rates, den Hugh Kenner der biografischen Joyce-Forschung nach Ellmann erteilt hat: „besonders heikel ist, Zeugen lang vergangener Ereignisse wissen nun, dank Ellmann, an was sie sich zu erinnern haben.“ (44)

P.S. zu Philipp Schöbis „Das literarische Feldkirch“

Philipp Schöbi kommt in seinem Buch „Das literarische Feldkirch“ (2018) wiederholt auf Max Riccabonas erfundene Begegnung mit James Joyce zu sprechen, die Schöbi weiterhin für eine Tatsache hält. (45)

Dabei nimmt Schöbi einen „Lieder- und Arien-Abend“, der am 2. September 1932 im Feldkircher Saalbau stattgefunden hat und von James Joyce nachweislich besucht wurde, was ich selbst 1995 in meinem Ö1-Radio-Beitrag über „Achtzig Jahre „Ulysses“-Entscheidung in Feldkirch“ (46) thematisiert habe, als vermeintliches Argument, dass Max Riccabona Joyce doch getroffen hätte. Schöbi vermutet, dass Riccabonas Vater Gottfried den „Lieder- und Arien-Abend“ mitveranstaltet und daher besucht hätte, was nahelege, dass auch Gottfrieds Sohn, Max, der während seiner stationären ärztlichen Behandlung im Sommer 1932 nachweislich jede Nacht in der Davoser Heilanstalt verbracht hat, eigens zur Veranstaltung nach Feldkirch abgeholt und anschließend wieder in die Davoser Heilanstalt zurückgebracht worden wäre. Der „Lieder- und Arien-Abend“ hat um „8 ¼“ abends begonnen und bis „10 ¾“ gedauert, womit laut Schöbi die zweistündige Rückfahrt von Feldkirch nach Davos möglich gewesen wäre.

Allerdings war die Familie Riccabona am Abend der Saalbau-Veranstaltung in Südtirol, wo sie zumindest bis 7. September 1932 auf Sommerfrische war, was aus einem Brief hervorgeht, den Max Riccabona am 7. September 1932 seiner in Südtirol urlaubenden Mutter geschickt hat. Es kann somit überhaupt keine Rede davon sein, dass Gottfried Riccabona am 2. September 1932 samt Frau, Tochter und Sohn, den „Lieder- und Arien-Abend“ im Saalbau besucht habe.

Nein, wie immer man Philipp Schöbis Verdrehungen dreht und wendet, sie bleiben ein weiterer haltloser Versuch, aufrechtzuerhalten, was nicht mehr zu halten ist.

Anmerkungen

0) Helmuth Schönauer: Nackte Normalsauen. Max Riccabonas Poetatastrophen für UFO-Leser. In: Gegenwart. Nr 20. 1994. S. 48-49.

1) Ulrike Längle: Max Riccabona – ein erratischer Block in der Literaturlandschaft Vorarlberg. In: Johann Holzner und Barbara Hoiß (Hrsg.): Max Riccabona. Bohemien – Schriftsteller – Zeitzeuge. Innsbruck 2006 (= Edition Brenner-Forum, Band 4). S. 51-83, hier S. 63.

2) Petra Nachbaur: Tischgespräch übern Atlantik? Soma Morgenstern und Max Riccabona – zwei Briefe. In: Exil. Forschung. Erkenntnisse. Ergebnisse. Nr.2 (2001). S. 74-81, hier S. 77.

3) Ulrike Längle: Max Riccabona – ein erratischer Block (wie Anmerkung 1). S. 63.

4) Kurt Bracharz: metasuperMAXimal. In: Kultur. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft. Nr.7 (1989). S. 7.

5) Kurt Bracharz: „… in seinem Kern nicht so gewaltig.“ In: Miromente. Nr.7 (2007). S. 15-17, hier S. 16.

6) Eugene Jolas: James Joyce. In: Marc Dachy (Ed.): James Joyce. The complete recordings. Sub Rosa (Aural Documents SR 60). p. 25-113. p. 55.

7) Max Riccabona: Epiphanien in der Löwenschwemme. James Joyce in Vorarlberg. In: Protokolle. Wiener Halbjahresschrift für Literatur, bildende Kunst und Musik (1977). Heft 1. S. 133-141, hier S. 138f.

8) Der Tod der „dicken Rosl“. In: „Illustrierte Kronen-Zeitung“ vom 16. Jänner 1931. S. 5.

9) Max Riccabona: Epiphanien in der Löwenschwemme (wie Anmerkung 7). S. 138f.

10) Max Riccabona: Interview mit Günter Salzmann. In: Vorarlberger Nachrichten. 16. Juni 1981. S. 22.

11) Max Riccabona: Brief vom 30. Juni 1987 an Fritz Senn. Max Riccabona. Zwei Briefe an Fritz Senn. In: Montfort. Vierteljahreszeitschrift für Geschichte und Gegenwart Vorarlbergs. Heft 3/4 (1989). S. 311-312, hier S. 311.

12) Max Riccabona: Epiphanien in der Löwenschwemme (wie Anmerkung 7). S. 138.

13) Barbara Hoiß: Auskunft von Max Riccabonas Neffen Gottfried Hanke. E-Mail. 5. Juli 2011.

14) Ulrich Nachbaur (Vorarlberger Landesarchiv). E-Mail-Auskunft. 8. Juli 2011.

15) Wilhelm Meusburger: Das Spinnennetz oder biographische Versuche zu Max Riccabona. In: Vorarlberger Landesmuseum: Max Riccabona. Vorarlberger Landesmuseum. Bregenz 21.6.-3.9.1989. S. 23-25, hier S. 23.

16) Vorarlberger Landesarchiv: Clunia Feldkirch. Consenioratsbuch. Burschenconvent. 31.5.1933. S. 39. E-Mail-Auskunft vom 8. Juli 2011 von Ulrich Nachbaur.

17) Wilhelm Meusburger und Helmut Swozilek: Katalog. In: Vorarlberger Landesmuseum: Max Riccabona. Vorarlberger Landesmuseum. Bregenz 21.6.-3.9.1989. S. 91-125, hier S. 101.

18) Max Riccabona: Epiphanien in der Löwenschwemme (wie Anmerkung 7). S. 133.

19) Christoph Volaucnik: E-Mail-Auskunft. 29. Juni 2011.

20) Betsy Jolas: E-Mail-Auskunft. 5. August 2011.

21) Max Riccabona: Epiphanien in der Löwenschwemme (wie Anmerkung 7). S. 139.

22) Max Riccabona: Brief vom 30. Juni 1987 an Fritz Senn (wie Anmerkung 11). S. 312.

23) Ebd.

24) Wilhelm Meusburger: Das Spinnennetz (wie Anmerkung 15). S. 25.

25) Barbara Hoiß: E-Mail-Auskunft. 23. August 2011.

26) James Joyce: Brief vom 26. Juni 1928 an Valery Larbaud. James Joyce: Frankfurter Ausgabe. Werke 6. Redaktion Klaus Reichert unter Mitwirkung von Fritz Senn. Briefe II. Herausgegeben von Richard Ellmann. Übersetzt von Kurt Heinrich Hansen. Suhrkamp 1970. S. 1152f.

27) Max Riccabona: Epiphanien in der Löwenschwemme (wie Anmerkung ). S. 139.

28) Ebd. S. 134.

29) Die Feldkircher Joyce-Würdigungen wurden im Herbst 1992 von mir initiiert, nachdem ich dank Ellmanns Joyce-Biografie von Joyces doppelter Feldkirch-Verbindung („‘Ulysses‘-Entscheidung“ im Jahr 1915, Sommeraufenthalt im Jahr 1932) erfahren hatte. Damals habe ich den Vorarlberger Landesfinanz- und Kulturreferenten Guntram Lins sowie den „Grünen Klub“ im Vorarlberger Landtag angeregt, dass Feldkirch durch Gedenktafeln und eine Straßenbenennung auf die besondere Verbindung mit Joyces Leben und Werk hinweise. In der Folge hat der „Kulturkreis Feldkirch“ 1994 in der Bahnhofshalle und beim Hotel Löwen Gedenktafeln montiert sowie dank der großzügigen finanziellen Unterstützung des Landeskulturreferates gemeinsam mit der „Zürcher James Joyce Stiftung“ ein Joyce-Symposion veranstaltet. Zehn Jahre später wurde anlässlich des 100. Bloomsdays die „Löwen-Passage“ in „James Joyce Passage“ umbenannt, wodurch die literarhistorische Sonderstellung der Montfort-Stadt nun auch im Stadtbild verankert ist.

30) Andreas Weigel: Finnegans Weg zum Bahnhof. James Joyce in Feldkirch. In: „Kultur“. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft. 9. Jahrgang. Nummer 5. Juni 1994. S. 4f.

Andreas Weigel: Das Schicksal des „Ulysses“. James Joyce und Feldkirch, Vorarlberg. In: „Montfort. Vierteljahreszeitschrift für Geschichte und Gegenwart Vorarlbergs. 52. Jahrgang. Heft 3 (2000). S. 289-301.

Andreas Weigel: Es war einmal vor langer Zeit in Vorarlberg. James Joyce und Feldkirch. In: Marieke Krajenbrink und Joachim Lerchenmüller (Hrsg.). Yearbook of the Centre for Irish-German Studies 2000/01. Trier: Wissenschaftlicher Verlag 2001. S. 159-177.

Andreas Weigel: James Joyces Österreich-Aufenthalte. Innsbruck (1928), Salzburg (1928) und Feldkirch (1915, 1932). In: Michael Ritter (Hrsg.): praesent 2006. Das österreichische Literaturjahrbuch. Das literarische Geschehen in Österreich von Juli 2004 bis Juni 2005. S. 93-105. Wien: präsens 2005.

31) Max Riccabona: Auf dem Nebengeleise. Erinnerungen und Ausflüchte. Herausgegeben von Ulrike Längle. Haymon 1995. S. 80.

32) Max Riccabona: Ich wurde. Gehversuche zu mir selber. In: Protokolle. Wiener Halbjahresschrift für Literatur, bildende Kunst und Musik (1978). Heft 2. S. 141-146, hier S. 144f.

33) Ebd. S. 145.

34) Riccabona „besuchte das Gymnasium in Feldkirch, wo er 1932 als Schüler die Bekanntschaft von James Joyce machte. Im Sommer desselben Jahres ging er für ein dreiviertel Jahr in das Sanatorium ‚Deutsche Heilstätte‘ in Davos, um eine Tbc auszukurieren“. – Ulrike Längle: Nachwort. In: Max Riccabona: Auf dem Nebengeleise (wie Anmerkung 31). S. 107-111, hier S. 107f.

35) Ulrike Längle: „Ich bin ein Selbstbeobachter, der sich sozusagen unter dem Mikroskop analysiert“. Über den Schriftsteller Max Riccabona. In: Allmende. Nr.46/47 (1995). S. 23-34, hier S. 24.

36) Ulrike Längle. Ritter ohne Furcht vor Tadel. Zum Tod des Dichters Max Riccabona. In: Neue Zürcher Zeitung. 8. Oktober 1997. S. 47.

37) Tagebuch über die Belegung der Deutschen Heilstätte Davos von 1932 bis 1937. E-Mail von Barbara Dobson (Hochgebirgsklinik Davos) an Ulrike Längle. 7. Februar 2012.

38) Andreas Weigel: Max Riccabonas erfundene Begegnung mit James Joyce. Erforderliche Korrektur einer zweifelhaften Zeitzeugenschaft. In: „miromente“. Nr.25. September 2011. S. 34-44.

39) Auf die Frage, ob ich die Quelle namentlich nennen dürfe, wurde ich gebeten, diese als „engster Familienkreis“ zu umschreiben, obwohl die Aussage bei Bedarf selbstredend auch offiziell wiederholt werde.

40) Max Riccabona: Kurzes Briefzitat für „Rückschau: 2 Jahre Freibord“. In: Freibord. Nr.9 (April 1978). S. 3.

41) Laut Petra Nachbaur ist Riccabona am 11. April 1939 in Paris angekommen. Seine Rückfahrkarte ist mit 12. Juni 1939 datiert: „am 23. Juni [1939] ist er, nach Aufenthalt bei seiner Familie, bereits wieder in Wien“. Petra Nachbaur: Tischgespräch übern Atlantik? (wie Anmerkung 2) S. 77.

42) Max Riccabona: „Alphonse, un Pernod sʼil vous plaît .“. Aus den letzten Tagen von Josef [sic!] Roth. In: St. Galler Tagblatt. Sonntag, 10. August 1969. Feuilleton. Sonntagsbeilage. Nr.370. S. 7.

43) Stefan Zweigs Brief vom 7. Mai 1939 an Hermann Broch. In: Stefan Zweig: Briefe an Freunde. Herausgegeben von Richard Friedenthal. Fischer 1984. S. 294-297, hier S. 296.

44) Hugh Kenner: Ulysses. Aus dem Englischen von Claus Melchior und Harald Beck. Suhrkamp 1982. S. 242.

45) Philipp Schöbi: Das literarische Feldkirch. Die Montfortstadt als Schauplatz der Literatur. Geschichte der Stadt Feldkirch herausgegeben von der Stadt Feldkirch (2018).  S. 72 sowie S. 96f.

46) Andreas Weigel: Achtzig Jahre „Ulysses“-Entscheidung in Feldkirch. In: ORF. Ö1. „Transparent – Das Kulturstudio“. 28. Juni 1995.

Danksagung

Für Hinweise, Informationen und Dokumente danke ich: Siegfried Bertsch (Feldkirch), Kurt Bracharz (Bregenz), Barbara Dobson (Davos), Paulus Ebner (Wien), Dagmar Ehspanner (Oberkotzau), Ruth Frehner (Zürich), Wilhelm Füger (Berlin), Arnulf Häfele (Hohenems), Gottfried Hanke (Feldkirch), Barbara Hoiß (Innsbruck), Betsy Jolas, Gerda Koller (Wien), Heinz Lunzer (Wien), Britta Meierfrankenfeld (München), Wilhelm Meusburger (Bregenz), Jennifer Moritz (Innsbruck), Ulrich Nachbaur (Bregenz), Timothy Nelson (Davos), Verena Perlhefter (Wien), Birgitt Pillmann (München), Beate Puchta (Hof), Friedhelm Rathjen (Emmelsbüll-Horsbüll), Doris Rödel (Oberkotzau), Rudolf Sagmeister (Bregenz), Ulrich Sandholzer (Feldkirch), Jürgen Schneider (Düsseldorf), Helmuth Schönauer (Innsbruck), Walter Schübler (Wien), Harald Stockhammer (Innsbruck), Helmut Swozilek (Bregenz), Christoph Volaucnik (Feldkirch), Sandra Weiland (München), Susanne Wernli (Davos) und Ursula Zeller (Zürich) herzlich.

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